DAS HARTE LOS DER AKTIVEN FANS IM MODERNEN FUSSBALL! MITTEILUNGSBLATT DER ULTRAS RAPID 08/06

Die 8. Ausgabe unserer GO WEST! Beilage befasst sich dieses Mal mit dem Schicksal der Ultrà(s) Bewegung in Frankreich und den Problemen mit denen die Fans dort seit einiger Zeit zu kämpfen haben. Folgend die Zusammenfassung eines Flugblattes der Magic Fans 1991 von St. Etienne und der Bericht der dpa über die tragischen Zwischenfälle nach dem Europacupspiel zwischen PSG und Tel Aviv, als ein Pariser Fan von einem Polizisten erschossen wurde.

REPRESSION IN FRANKREICH

Wie der französische Innenminister Sarkozy versucht eine der aktivsten Ultrà(s)-Szenen Europas auszulöschen.

Seinen Anfang nahm alles in der Herbstsaison 2005/2006. In Paris gerieten aus mehreren Umständen die Boulogne Boys und die Tigris Mystique aneinander. Der darauf folgende Kampf involvierte alsbald die gesamte Paris Fanszene und führte zu Massenschlägereien sowohl bei Heim- als auch bei Auswärtsmatches. Da sich diese Ereignisse zeitlich mit den Ausschreitungen in den Paris Vorstädten überschnitten, nutzte der französische Innenminister die Situation, mittels Rundumschlag sämtliche Fußballfans zu kriminalisieren. In einer Rede vor dem Parlament bezeichnete er die Fans einiger Vereine als Terroristen und kündigte eine Modellierung der Verhängung von Stadionverboten an.

Hierzu muss gesagt werden, dass in Frankreich seit 1984 Stadionverbote verhängt werden können. Nach einer Verschärfung im Jahre 1993 sah die Vorgangsweise bis letztes Jahr folgendermaßen aus:
Wenn ein Fan Stadionverbot erhalten sollte, dann musste dies von einem unabhängigen Richter anhand der Fakten ausgestellt werden. Dies bedeutet, dass es jedenfalls zu einer Anhörung kam, bei welcher sich der „Angeklagte“ verteidigen konnte. Dies garantierte zumindest die Möglichkeit für den Fan sich zu wehren. Und diese wurde ihm durch das neue Gesetz genommen.

In diesem setzt Sarkozy Fußballfans mit Terroristen gleich und erlaubt der Polizei sämtliche Mittel gegen Fußballfans anzuwenden, welche auch gegen Terroristen eingesetzt werden dürfen. Zusätzlich können Stadionverbote nun vom Präfekten der jeweiligen Region ausgesprochen werden und zwar ohne Anhörungsmöglichkeit für den Betroffenen.

Genauer gesagt, schaut dies folgendermaßen aus. Ein Anhänger aus Bordeaux wurde 2 Tage nach dem Spiel von einer Spezialeinheit aus der Arbeit abgeholt, vor den Richter geführt und mittels Eilverfahren für 2 Monate unbedingt ins Gefängnis gesteckt. Um das Ganze abzurunden erhielt er vom Präfekten der Region ein Stadionverbot für die nächsten 2 Jahre ohne Anhörungsmöglichkeit. Der Grund dafür? Er hatte beim Match eine Fackel gezündet.

Ein weiterer Leckerbissen des neuen Gesetztes ist die Meldepflicht bei der Polizei wie in Italien. Bei jedem Match seiner Mannschaft muss sich der Stadionverbotler bei der Polizei melden und darf nicht in der Nähe des Stadions erscheinen.

Und jetzt kommen die terroristischen Tendenzen der Fußballfans ins Spiel. Laut neuem Gesetz ist es dem Innenministerium nun möglich Fangruppierungen zu verbieten. Was dazu vorgefallen sein muss, steht nicht dezidiert im Gesetzestext. Der Innenminister hat damit die Möglichkeit nach Gutdünken einen Fanklub nach dem anderen verbieten zu lassen. Da dies nur die führenden Fanklubs Frankreichs und damit nur Ultrà(s)gruppierungen treffen kann und mit Sicherheit auch wird, stellt sich hier die Frage inwiefern man die Aktivitäten einer Ultrà(s)gruppierung mit denen einer radikalen politischen Gruppe oder gar einer Terrorzelle vergleichen kann? Wird man in Zukunft nun als Terrorist bezeichnet werden, falls man sich als Mitglied einer Ultrà(s)gruppierung deklariert? Sieht man bald „Ultrà(s) no Terrorist“ als Doppelhalter in der Kurve?

Die eindeutige Krönung des Ganzen folgt aber erst. Der Polizei in Frankreich ist es ab sofort möglich „präventive Stadionverbote“ zu erteilen und zwar ohne Angabe von Gründen. Das Ganze am besten anhand eines aktuellen Beispiels:

Am 28.10.2006 fand das Derby zwischen Olympique Lyon und AS Saint Etienne statt. Am Vortag erschien die Polizei bei 6 Mitgliedern der Magic Fans `91 und erteilte diesen präventives Stadionverbot. Diese Mitglieder waren der Capo, 3 Vorsänger sowie 2 führende Mitglieder der Gruppe. Grund war das bevorstehende Derby. Das Unglaubliche an dieser Tatsache ist, dass somit die Unschuldsvermutung, die in jedem Rechtsstaat gelten muss, komplett aufgehoben wurde. Womit wir wieder bei der Terrorbekämpfung wären. Denn dies ist ansonsten nur möglich um des Terrorismus verdächtigte Personen festzuhalten. Und dabei haben die 6 noch Glück gehabt. Denn präventive Stadionverbote können für bis zu 3 Monate verhängt werden und diese bis zu 3 mal verlängert werden. Somit hätten diese 6 für 12 Monate ohne Begründung aus den Stadion verbannt werden können. Sie erhielten ein präventives Stadionverbot für lediglich 2 Ligaspiele.

Zur Zeit ist man in Frankreich komplett ratlos wie man sich gegenüber der immer stärker werdenden Repression wehren soll und kann. Die Möglichkeiten sind limitiert, wenn man schon für eine Fackel ins Gefängnis muss bzw. ein paar tausend Euro hinblättern darf.

In ihrer Aussendung merken die MF `91 abschließend noch folgendes an. Sollte die Verfolgung der Ultrà(s)gruppierungen in der Form weitergehen, befürchten die MF `91, daß sich immer mehr Jugendliche von der Ultrà(s)kultur abwenden und zu Casuals werden würden. Damit würde jegliches Regulativ, welches die führenden Ultrà(s)gruppierungen darstellen, abhanden kommen und erst wirkliche Probleme verursachen. Denn was könnte die Polizei gegen 500 Casuals unternehmen, die alle auf eigene Faust zum Auswärtsmatch fahren und unkoordiniert Wirbel machen. Dann wäre es zu spät.

POLIZIST IN ZIVIL ERSCHIESST PARISER FUSSBALL-FAN NACH UEFA CUP SPIEL

Ein französischer Polizist hat einen Fußball-Fan des Erstligisten Paris St. Germain bei massiven Auseinandersetzungen mit rassistischem Hintergrund nach dem UEFA-Pokalspiel gegen Hapoel Tel Aviv (2:4) erschossen. Einen zweiten Anhänger verletzte er schwer.

Nach Angaben der Polizei wollte der Beamte am Donnerstagabend einem Hapoel-Fan zu Hilfe kommen, der von etwa 150 gewaltbereiten PSG-Anhängern bedroht wurde. Als der schwarze Polizist seinerseits - auch wegen seiner Hautfarbe - angegriffen wurde, versuchte er zuerst, sich mit Tränengas zu verteidigen und griff dann zu seiner Waffe. Ein Schuss traf einen 24-jährigen PSG-Anhänger tödlich. Ein 26 Jahre alter Fan wurde schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Polizeigewerkschaften sprachen von „legitimer Selbstverteidigung“.

Der Todesfall löste in Frankreichs Sportwelt und Politik Entsetzen aus. Innenminister Nicolas Sarkozy sagte zu dem „dramatischen Vorfall“, der von der französischen Antillen-Insel Martinique stammende Schütze habe sich wiederholt als Polizist zu erkennen gegeben. „Ein Aggressor hat ihm dann einen Schlag gegen die Schläfe versetzt, ein zweiter in den Unterleib getreten, und er ist zu Boden gegangen.“ Er habe seine Waffe erst gezückt, nachdem er den Umstehenden zugeschrien habe, dass er Polizist sei. Die näheren Umstände waren auch Sarkozy noch unklar.

„Das war ein Schuss aus Verzweiflung“, teilte dazu am Freitag die Polizeigewerkschaft Alliance mit. „Er ist von 150 aufgeheizten Typen angegangen worden, und wenn er nicht geschossen hätte, wäre er dabei draufgegangen.“ Der Gewerkschaftschef Frédéric Lagache betonte, mit dem Tränengas habe der Mann sich nicht aus der Affäre ziehen können. „Er hat dann Angst um sein Leben gehabt.“ Der Schütze hatte sich vor der erregten Menge in einen Schnellimbiss flüchten müssen.

Der Todesschütze ist in Polizeigewahrsam. Auch von acht Pariser Hooligans, die noch am Abend festgenommen worden waren, hielt die Polizei am Freitag noch fünf wegen „rassistischer und antisemitischer Beleidigungen“ fest, teilte die Pariser Polizeipräfektur mit.

Die Polizei hat eine interne Untersuchung eingeleitet. Anhänger des Pariser Clubs sind als gewalttätig bekannt. Es kommt rund um das Prinzenpark-Stadion im Pariser Westen immer wieder zu schweren Auseinandersetzungen unter Fans, vor allem bei Spielen gegen den «Erzfeind» Olympique Marseille. Sportminister Jean-François Lamour bedauerte am Freitag das «Klima der Gewalt und Spannungen», das bei manchen Spielen herrsche, und das dramatische Folgen haben könne. (dpa, 24.11.2006)

GEGEN DEN MODERNEN FUSSBALL VIII

ULTRAS RAPID BLOCK WEST 1988                        Wien, Dezember 2006