DAS HARTE LOS DER AKTIVEN FANS IM MODERNEN FUSSBALL! MITTEILUNGSBLATT DER ULTRAS RAPID 06/06
Dieses Mal bringen wir einen Artikel aus dem deutschen Fußball Magazin 11 FREUNDE (erscheint immer am Monatsende, kostet 3,50 Euro und ist an vielen Kiosken erhätlich) zum Thema Stadionverbot.
DRAUSSEN VOR DER TÜR
Ein Stadionverbot bedeutet für jeden echten Fan eine Höllenqual. Doch wie damit umgehen? Sich verkriechen oder weiter dabei sein, wenn auch nicht auf der Tribüne? Wir haben einen derzeit verbannten Anhänger des FC St. Pauli zum Heimspiel begleitet. Eine Reportage darüber, wie es ist, außen vor zu sein und doch nah dran sein zu wollen.
Es muss ein aufregendes Spiel sein. Immer wieder schwillt der Lärm der Zuschauer an, formt sich zu lang anhaltenden „Ooohs“ und „Aaahs“, um sich dann in enttäuschten „Uuuhs“ zu entladen. Applaus und Anfeuerungsrufe folgen den offenbar knapp vergebenen Torchancen. 20 Minuten sind an diesem Samstagnachmittag zwischen dem FC St. Pauli und Union Berlin gespielt. Jonals Reimer (Name auf Wunsch geändert) steht auf der kleinen Zufahrtsstraße hinter dem Stadion und schaut auf die Rückseite der Gegengerade des Hamburger Millerntor-Stadions. Seit neun Jahren hat er eine Dauerkarte, seit sieben Jahren ist er Vereinsmitglied. Normalerweise ist er bei jedem Heimspiel dabei und nicht hier draußen. Normalerweise.
Nun aber hat Jonas bundesweites Stadionverbot. Den grünen Rasen am Millerntor hat er seit dem letzten Heimspiel vor der Sommerpause nicht mehr gesehen. Zwei Zuschauer, die zu spät kommen, passieren ihn und eilen durch das Tor im Gitterzaun, vorbei an den Ordnern mit ihren neongelben Plastikwesten, die Stufen hinauf auf die Stehplatzränge. Jonas schaut ihnen nach und holt sich erst mal ein Bier an einem Stand, der direkt am Stadionzaun aufgebaut ist. Es ist das dritte Heimspiel, das er hier auf der Straße verbringt. „Jetzt zuhause in meiner Wohnung sein, das geht gar nicht“, sagt der 21-jährige. „Ich will etwas von der Stimmung im Stadion mitbekommen.“ Deswegen steht er hier, wo aus einem bestimmten Winkel gerade mal ein kleiner Teil der Anzeigentafel zu sehen ist. Dafür hört man umso besser. Genau auf dieser Höhe stehen im Stadion die Ultras, bei denen Jonas jetzt auch sein würde. Aus Solidarität mit ihm und den etwa 20 anderen, die wegen ihres Verbots nicht hineindürfen, haben sie ein braun-rotes Herz an der Rückseite der Tribüne angebracht. Daneben hängt ein Plakat mit der italienischen Aufschrift „Diffidati con noi“ („Verbannte mit uns“). Jonas‘ Stadionverbot besteht seit Beginn der laufenden Saison und voraussichtlich für ein halbes Jahr. Es wurde wegen eines Vorfalls in der letzten Spielzeit verhängt. Bei einem Match gegen den Chemnitzer FC Anfang April hatten Rechtsradikale im Gästeblock faschistische Fahnen an den Zaun gehängt. Die Stimmung am Millerntor war entsprechend aufgeheizt. Die Polizei befürchtete Randale und fuhr ein großes Aufgebot an Einsatzkräften inklusive Wasserwerfern auf den Straßen hinter dem Gästeblock auf. Es war eine so große Zahl von Beamten, dass selbst die sonst nicht besonders polizeikritische Tageszeitung „Hamburger Morgenpost“ im Anschluss Kritik an dem Einsatz übte. Viele St. Pauli-Anhänger fühlten sich nicht nur durch die Faschisten, sondern auch durch die Uniformen provoziert. Es kam zu Auseinandersetzungen. Bei der Abfahrt wurden Gästefans mit Flaschen beworfen, auch Jonas soll dabei mitgemacht haben.
Er möchte dazu nichts sagen, so lange sein Fall nicht abschließend verhandelt ist. Im Oktober hat er einen Termin vor dem Jungendgericht. Wie ein Krawallbruder sieht er mit seinen weichen und freudlicehn Gesichtszügen unter den mittellangen, blonden Haaren nicht gerade aus. Statt der braun-weißen Farben seines Lieblingsvereins trägt er heute eine beige Hose und ein weinrotes Polohemd. „Es war das erste Mal, dass ich überhaupt mit der Polizei zu tun hatte. Und dann gleich Stadionverbot, das kann ich nicht nachvollziehen“, sagt Jonas. „Hätten sie micht doch dazu verdonnert, ein paar Wochen den Rasen zu mähen oder was Soziales zu machen. Damit hätte ich kein Problem gehabt.“ Das sei aber gar nicht möglich, sagt Sven Brux, seit acht Jahren Sicherheitsbeauftragter beim FC St. Pauli und vorher Fanbeauftragter:“ Die Richtlinien des DFB zwingen uns dazu, diese Verbote zu verhängen.“ In seinen Augen sind Stadionverbote als pädagogische Maßnahme zwar sehr hart, aber durchaus sinnvoll.“ Leuten wie Jonas wird das schon eine Lehre sein“, meint er. Allerdings würde er sich wünschen, dass der Verein flexibler handeln und in solchen Fällen „ein Stadionverbot auf Bewährung“ aussprechen könne. Brux kennt auch Pauli-Fans, die wegen Vorfällen in anderen Städten ein bundesweites Stadionverbot bekommen haben. „Da wäre es besser, wenn wir als Verein sagen könnten: Bei uns kann er trotzdem rein, weil er sich hier nie daneben benommen hat.“ Fanbetreuerin Daniela Wurbs vom Fanladen St. Pauli lehnt Stadionverbote dagegen viel grundsätzlicher ab: „Es mag sein, dass die für wenige wiederholt gewalttätige Fans wirkliche Denkanstöße sind. Aber meist trifft es doch Leute mit vergleichsweise geringen Vergehen. Für die sind das dann reine Bestrafungsmaßnahmen, die nichts bringen. Da sollte jeder einzelne Fall ganz genau angeschaut werden.“ Wurbs hofft, dass das in Zukunft auch beim FC St. Pauli geschieht. Nach den Ereignissen vom Chemnitz-Spiel wurde wegen der Besonderheit der Situation bereits eine Kommission gegründet, in der unter anderem Präsidiumsmitglieder, aber auch Fanvertreter saßen, und jedes Stadionverbot einzeln besprachen. Dieses Gremium konnte zwar keines der Verbote aussetzen, aber immerhin ihre Dauer beeinflussen.
Je länger die erste Halbzeit läuft, desto leerer wird es vor dem Stadion. Flaschensammler ziehen mit Einkaufswagen auf der Suche nach liegen gelassenen Pfandbuddeln vorbei, Väter führen ihre Kinder am Stadion spazieren. Einige der mit Stadionverbot belegten Fans sind ins angrenzende Klubheim gezogen. Auch Jonas hält es nicht mehr vor dem Stadiontor. Stattdessen geht er die Straße auf und ab, bleibt hin und wieder stehen, um sich zu unterhalten. Seine anfängliche gute Laune ist verflogen, mit dem Stadionverbot fühlt er sich ausgegrenzt. „Hier draußen werde ich ständig von Polizisten in Zivil beobachtet, die mich sogar manchmal mit Namen ansprechen. Für mich ist das Kriminalisierung. Da werde ich in einen Topf geworfen mit Leuten, mit denen ich nichts zu tun haben will.“
In der zweiten Halbzeit dingt meist nur ein gleichförmiges Germurmel nach draußen, ab und an unterbrochen von Sprechchören. Ein langweiliges Spiel wird auch nicht besser, wenn man es nicht sehen, sondern bloß hören kann. Jonas hockt mit drei anderen gegenüber vom Klubheim, das Interesse am Spielverlauf haben sie längst verloren. Die Gespräche drehen sich um die Jobsuche und Partys am Abend, dann sprechen sie über die nächste Auswärtspartie. Jonas will auch dorthin mitfahren, obwohl er das Spiel nicht sehen darf. „Aber die Busfahrt“, sagt er, „ist doch das Schönste an so einer Tour.“ Während des Spiels ist es auswärts allerdings noch bitterer als zuhause, „da stehst du mit ein paar Wenigen in einer dir völlig unbekannten Umgebung.“ Beim Auswärtskick in Lübeck war er auch schon mit:“Da hat man wenigstens von draußen eine kleine Ecke vom Spielfeld gesehen.“
Das Spiel ist vorbei, es blieb beim 0:0. Jonas will schnell nach Hause. „Hier wird es mir sonst zu hektisch“, meint er, und diese Sorge hat er nicht zu Unrecht. Schon sind wieder die Wasserwerfer aufgefahren. Die Polizei ist in Alarmbereitschaft, immerhin sind 3000 Berliner mit nach Hamburg gekommen. Bevor es brenzlig werden könnte, verabschiedet sich Jonas und wird eins mit der Menschenmasse, die aus dem Stadion drängt. Beim nächsten Heimspiel wird er ihr wieder von draußen zuhören.

UNGARISCHE FANS GEGEN EM 2012
Am Freitag, den 29.09.06 fand in Budapest eine Demonstration der Fans der größten ungarischen Vereine Újpest, Ferencváros, Kispest, Debrecen, Diósgyör, Videoton statt. Die organisierten Fans überreichten einer UEFA Delegation dabei eine Petition, in der sich die Fans gegen die Bewerbung ihres Landes gemeinsam mit Kroation für die EM im Jahr 2012 aussprachen und ihrer Unzufriedenheit mit dem Ungarischen Fußballverband Ausdruck verliehen.


Die Entscheidung über den Gastgeber der Fußball- Europameisterschaft 2012 wird erst im April 2007 fallen. Anfänglich sollte die Entscheidung darüber im Dezember dieses Jahre erfolgen, den Kandidaten solle mehr Zeit für ihre Bewerbung gegeben werden, hieß es in einer schriftlichen Erklärung der UEFA. Im Rennen um die Rolle des Gastgebers befinden sich noch Italien sowie die Doppelbewerbungen aus Polen/Ukraine und eben Kroatien/Ungarn.
GEGEN DEN MODERNEN FUSSBALL VI
ULTRAS RAPID BLOCK WEST 1988 Wien, September 2006
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