DAS HARTE LOS DER AKTIVEN FANS IM MODERNEN FUSSBALL! MITTEILUNGSBLATT DER ULTRAS RAPID 01/06

Mit diesem und weiteren Flugblättern die in regelmäßigen Abständen dem GO WEST! beiliegen werden, wollen wir einen Blick über den Block West hinaus werfen. Leider Gottes haben aktive Fußballfans wie wir zur Zeit wenig zu lachen. Der sogenannte moderne Fußball mit seinen Kommerz- und Repressionsauswüchsen bedroht Fankulturen hierzulande und im übrigen Europa. Unser erster Blick geht in die Schweiz. Die Fans des FC Basel haben seit den Ausschreitungen beim Meisterschaftsfinale gegen den FC Zürich hart mit neuen Sicherheitsvorschriften zu kämpfen. Auch die anderen Kurven jenes Landes, das mit Österreich 2008 die EM ausrichten soll, haben es momentan nicht leicht. Die Schweizer Liga hat sich nach italienischem Vorbild eine neue Regelung für Auswärtstickets einfallen lassen. Tickets der Auswärtssektoren sind in Zukunft mit Namen versehen und nur mehr beim Heimverein zu erstehen.

Wir beginnen in Basel. Folgend das Protestschreiben des Dachverbandes Muttenzerkurve:

  • Die vom FC Basel und dem „pentagonalen“ Tisch beschlossenen Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit bei FCB Spielen akzeptieren wir, bis auf das Fangnetz (das macht Sinn), nicht! Dieser „pentagonale“ Tisch bestand aus Vertretern und Fachleuten der Regierungen beider Basel (Stadt und Umland), der Polizei, des FC Basel 1893 und der Basel United AG. Vertreter der Fans wurden nicht eingeladen.
  • Wir werden unsere Jahreskarten nicht registrieren lassen. Geben sie aber, in der Hoffnung dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, bis auf weiteres nicht zurück. Daraus resultiert, dass wir gezwungenermaßen keine Heimspiele mehr besuchen können und werden. Dies gilt logischerweise für sämtliche Spiele: National Liga, Schweizer Cup und Europacup.
  • Weiterhin werden wir aber bei jedem Auswärtsspiel präsent sein und mit aller Kraft unsere rotblauen Herzen schlagen lassen. Auch hier gilt: Voucher (wiederaufladbare Eintrittskarte) NEIN DANKE! Wir erinnern uns an die Fanpassgeschichte im Jahr 2002 und werden wieder gleich vorgehen. Sollte es wirklich keine Möglichkeit geben ohne Voucher in den Gästesektor zu gelangen, treffen wir uns im angrenzenden Sektor. Es wird einen Protestbanner geben, was bedeutet, dass wir unsere Zaunfahnen zu Hause lassen. Auf Schwenkfahnen und Doppelhalter werden wir hingegen nicht verzichten!

HINTERGRUND UND ERKLÄRUNG

Diese Reaktion von unserer Seite ist notwendig, weil nach dem 13.5.06 einmal mehr, wieder die halbe Bevölkerung zu Fußballfans und Profis in Fanfragen mutierten und meinten, die Lösung aller Probleme zu kennen. Aus solchen Profis wurde der angeblich runde Tisch hauptsächlich zusammengestellt. Die mit der Szene vertrauten Personen aber, wovon es z.B. beim Basler Fanprojekt auf jeden Fall zwei gibt, wurden nie eingeladen, an diesem Tisch Platz zu nehmen. Auch die betroffene Fanseite, nämlich die Muttenzerkurve, wurde außer Acht gelassen.

Klar kann man uns vorwerfen, dass wir selber Schuld sind, aber es gilt zu erwähnen, dass Markus Laub (Geschäftsführer FCB) im Vorfeld von uns darauf aufmerksam gemacht worden war, dass, falls es kein Gitter gäbe und der FCZ siegt, wir die Kurve kaum mehr unter Kontrolle haben werden. Es wurde ignoriert und anschließend von Vertrauensbruch geredet. Und so sehr wir selber Schuld sein mögen, die getroffenen Maßnahmen würden ein zweites „13.5.06“ nicht verhindern. In einer Situation, einem Augenblick, da alles verloren ist, denkt keiner mehr an seine, beim FCB hinterlegten Daten – schon gar nicht in der Masse! Vielleicht würden die Chancen größer, die Täter danach zu eruieren, aber sind sie vermummt, wechseln sie Kleider, Kappen und Schals, wird die zeit- und kostenaufwändige Ernte dürftig ausfallen. Und nicht vergessen: passiert wäre es trotzdem! Unser Ziel muss es sein, dass solche Szenen nicht wieder vorkommen und da führt kein Weg an ehrlicher Kommunikation und gegenseitigen Zugeständnissen vorbei! Taten verstehen statt Daten einzusehen. Abgesehen von allen damit verbundenen Schikanen (MK-Tickets nicht mehr übers Internet, Übertragbarkeit der Jahreskarte mühsames Unterfangen, längere Wartezeiten beim Einlass, erhöhte Kontrollen, keine Auswärtstickets mehr am Spieltag etc.), stehen viele dieser Art von Datensammlung grundsätzlich kritisch gegenüber. Wie der FCB übrigens persönliche Daten schützt, hat die Vergangenheit auch schon gezeigt (Die Liste aller mit Stadionverbot belegten Fans aus der ganzen Schweiz wurde an Reisebüros weitergeleitet!).

Der allergrößte Hohn und damit auch die Bestätigung, nichts von Fankultur zu verstehen oder gar kein Interesse an einer solchen zu haben, ist der Fahnenpass. Im Titel des Maßnahmenkatalogs begründet man die neuen Bestimmungen mit Sicherheit im Stadion und der Förderung positiver Fankultur. Wer um Himmelswillen, lässt sich und seine Fahne registrieren und riskiert damit ein Stadionverbot, weil während des Stadionaufenthalts ein Vergehen damit festgestellt wurde? Kein Mensch wird 105 Minuten seine Fahne beständig in den Händen halten, mit aufs WC oder an den Bierstand nehmen (man stelle sich das mit den 3 bis 6m Stangen vor!) und schon gar nicht 90 Minuten um sich schauen ob da vielleicht etwas passiert. Hinzu kommt, dass sehr viele Fahnen gleich aussehen und dann, beginnt dann das große Seilziehen wessen Fahne das Vergehen begangen hat?! Öde und leer wird sich die „positive Fankultur“ in der Muttenzerkurve präsentieren, das rotblaue Fahnenmeer der Vergangenheit angehören.

RESUMEE

Wir sind FCB Fans, nicht immer pflegeleicht und manchmal auch wild, aber man nennt uns den 12. Mann und als solcher wollen wir ernst genommen und respektiert werden. Wir wollen mitspielen! Solange jedoch diese unglaublichen Maßnahmen bestehen bleiben, wird unserem FCB das bleiben was die dafür Verantwortlichen anscheinend wollen: Eine tote Kurve – der Mythos Muttenzerkurve wird, der Scheinsicherheit und „positiven Fankultur“ zum Opfer gefallen sein.

Wir sagen nein dazu und treffen uns am Donnerstag 13.7.06 ab 18.00 Uhr hinter der Muttenzerkurve, verteilen Flugblätter, suchen das Gespräch mit anderen Fans und starten den friedlichen Kampf um unsere Kurve!

Muttenzerkurve Basel - Rot isch unseri Liebi, Blau die ewigi Treui

Auch die restliche Schweizer Fanszene hat mit Problemen zu kämpfen. Im Sommer dieses Jahres teilte die Swiss Football League mit, dass es in Zukunft nicht mehr möglich sein wird Tickets für den Auswärtssektor vor Ort zu kaufen. Den Verkauf übernimmt der jeweilige Heimverein bzw. ein Ticketingpartner.

Die Tickets werden personalisiert (Name steht drauf), und es ist sehr wahrscheinlich, dass das auch kontrolliert wird. In Aarau beispielsweise wird daran gedacht, dass eine Firma (z.B. Ticketcorner) eine Fan-Karte produziert, die beim FC Aarau bezogen werden kann, auf der Foto, Name und Geburtsdatum stehen. Auf diese Karte kann dann quasi ein Ticket für ein Spiel geladen werden, und man kommt dann direkt mit dieser Karte ins Stadion. Ohne eine solche Karte wird es dann nicht mehr möglich sein in den Auswärtssektor zu gelangen.

Alle namhaften Szenen haben bereits Proteste angekündigt, bzw. wollen diese Neuregelung boykottieren. Beim ersten Auswärtsspiel des FC Basel in Bern etwa ergab sich folgendes Bild: 68 Fans, die sich registrieren ließen, bevölkerten den eigentlichen Gästesektor, während sich die restlichen 1500 Basler Fans ohne Registrierung und mit normalen Karten ausgerüstet hinter einem der beiden Tore breit machten. Das mitgebrachte Protestspruchband besagte: DEHEIM VERBOTE – USWÄRTS NIT Z`STOPPE! Zu Zwischenfällen etwa mit dem anliegenden Familiensektor kam es nicht. Letztes Wochenende beim Auswärtsspiel in St. Gallen ein ähnliches Bild: Nur 19 Basler Fans gaben ihre Identität preis und besorgten sich im Vorfeld „reguläre“ Eintrittskarten für den Auswärtssektor. 

Auch die Vereine scheinen nicht gerade glücklich mit der neuen Regelung. Es droht zum einen ein Einnahmenverlust, weil Zuschauer ausbleiben und zum anderen müssen mehr Sicherheitskräfte aufgeboten werden, um die „beiden Auswärtssektoren“ unter Kontrolle zu haben. Man wird sehen, wie lange die Schweizer Liga dieses Absurdum durchzieht, zumal auch ihr ein Einnahmenverlust droht: Die Kausalhaftung des Gastklubs bezieht sich nur auf den „richtigen“ Gästesektor. Zünden die Basler Fans aber in anderen Bereichen des Stadions Fackeln oder andere Pyrotechnika, kann der FC Basel nicht weiter belangt werden. Laut Zeitungsberichten der letzten Tage sind die Liga Verantwortlichen nach Protesten von allen Seiten aber dabei diese Regelung neu zu überdenken.

Weitere Infos unter: www.muttenzerkurve.ch / www.suedkurve.ch


GEGEN DEN MODERNEN FUSSBALL I

ULTRAS RAPID BLOCK WEST 1988                               Wien, August 2006